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  • Ulrike Bothmer

Wenn Deine Trauer Dich einsam macht


Susanne, 63 Jahre alt, ist eine moderne, aufgeschlossene Frau. Sie ist verheiratet und hat zwei erwachsene Kinder. Sie und ihr Mann leben in einem Haus mit Garten in einer Kleinstadt. Susanne ist halbtags berufstätig. In ihrer Freizeit treibt sie Sport, engagiert sich im örtlichen Sportverein und zusammen mit ihrem Mann begeistern sie sich für ihren Garten und machen Radtouren. Susanne hat ein gutes soziales Netzwerk und mehrere Freundinnen, die sie regelmäßig trifft. Mit ihrer fröhlichen, unkomplizierten Art ist sie überall gern gesehen.

Sie und ihr Mann haben schon einige Krisen im Leben gemeinsam durchgestanden und so sehen sie auch voller Hoffnung auf die Darmkrebs-Diagnose ihres Mannes. Sie vertrauen auf die Ärzte und gehen alle Therapien mit Mut an.

Zuerst sieht auch alles ganz gut aus, doch plötzlich treten Komplikationen auf. Aber Susanne und ihren Mann verlässt nicht der Mut. Sie haben schon andere Hürden genommen.

Doch die Therapien schlagen nicht an, ihrem Mann geht es immer schlechter, und es kommt zu einer unabwendbaren Situation: Susannes Mann stirbt.

Susanne ist zutiefst geschockt. Alle Hoffnungen hatte sie auf die Therapien gesetzt und es sah doch auch so gut aus. Sie fällt in ein tiefes Loch. Doch ihr soziales Netzwerk ist gut. Ihre Freundinnen helfen ihr wo sie können. Sie unterstützen sie bei der Gestaltung der Trauerfeier, helfen ihr im Alltag und begleiten sie zu Ärzten und Behörden.

Jederzeit kann Susanne mit ihnen sprechen und ihrer Trauer, Wut und Einsamkeit Ausdruck geben.

Auch nach der Beerdigung besuchen ihre Freundinnen sie häufig und geben ihr jede Hilfe, die sie braucht.

Doch Susanne fällt es schwer wieder in den Alltag zu kommen. Sie ist oft erschöpft, antriebslos und es gibt immer wieder Phasen, in denen sie nur weinen kann.

Nach ein paar Monaten versuchen die Freundinnen, sie mit Unternehmungen abzulenken. Aber Susanne tut sich schwer. Die Freundinnen haben Geduld.

Immer wieder nimmt Susanne ihre Freundinnen in Anspruch, um von ihrer Trauer und Einsamkeit zu reden.

Nach einem halben Jahr spürt sie plötzlich, dass ihre Freundinnen nicht mehr so häufig anrufen oder vorbeikommen. Auch ihren Kummer kann sie nicht mehr so unbefangen loswerden, denn sie merkt, dass ihre Freundinnen oft nicht mehr richtig zuhören. Sie ist enttäuscht und fühlt sich alleingelassen. In Gesprächen mit ihnen, die nun hauptsächlich Susanne initiiert, hört sie nun des Öfteren, dass sie doch jetzt mal wieder mehr rausgehen sollte, was unternehmen, nicht immer so viel an ihren Mann denken. Aber Susanne hat wenig Kraft. Sie fühlt sich nicht in der Lage, irgendetwas zu genießen. Alles fühlt sich schwer an.

Der Kontakt zu den Freundinnen wird immer weniger. Immer öfter haben sie keine Zeit oder melden sich nicht zurück.

Susanne wird immer einsamer und fragt sich, ob sie noch normal ist. Sie ist allein mit ihrer Trauer und hat das Gefühl, niemand würde sich noch für sie interessieren.


Tod und Trauer sind in unserer Gesellschaft nicht gerade ein beliebtes Thema. Wenn möglich, beschäftigen wir uns nicht damit und falls es sich nicht vermeiden lässt, beschränken wir die Beschäftigung damit auf ein Mindestmaß. Die Endlichkeit des Menschen wird so weit wie möglich weggeschoben. Wir leben immer länger und wollen möglichst keine körperlichen Einschränkungen aushalten.

Susanne hatte Glück mit ihren Freundinnen. Doch auch da ist die Geduld begrenzt, denn Menschen, die nicht trauern, können oft die Befindlichkeiten nicht nachvollziehen. Sie denken oft rein pragmatisch und sind der Meinung, dass nach einer gewissen Zeit die Trauer dann auch mal abgehakt sein könnte. „Das Leben muss weitergehen“, Du musst nach vorne schauen, Das ewige Rumsitzen bringt dich auch nicht weiter. Diese und andere Aussagen bekommt man oft zu hören.

Das Gefühl des Ausgegrenztseins und Enttäuschung des Trauernden sind die Folge.

Diese Dinge sind dabei zu beachten:

  1. Als Trauernder ist man in einem Ausnahmezustand. Die Empfindsamkeit ist sehr stark erhöht und die eigenen Gefühle sind schwer kontrollierbar. Trauernde schwanken ständig zwischen dem Wunsch nach Nähe und dem Alleinsein und das nicht Ertragen können von anderen Menschen. Das ist für Außenstehende oft schwierig zu verstehen und auch schwer einzuschätzen. Manchmal fühlen sich die Umstehenden auch vor den Kopf gestoßen und wissen nicht, wie sie auf den Trauernden zugehen sollen.

  2. Nach dem Verlust eines geliebten Menschen sind wir nicht mehr dieselben wie vorher. Das Erlebnis hat uns tief geprägt. Je näher uns der Mensch stand, desto einschneidender ist das Erlebnis. Dadurch verändern wir uns. Manchmal nehmen wir diese Veränderung an uns gar nicht wahr. Wir merken es an verschiedenen Verhaltensweisen. Was uns früher sehr wichtig war, ist jetzt vielleicht zweitrangig. Die Freizeitgestaltung verändert sich. Themen, die uns interessiert haben, verändern sich. Das verändert auch die Beziehungen. Menschen, die mir nahe standen vor dem Ereignis, werden mir fremd. Gruppen und Vereine, die ich zusammen mit dem Verstorbenen besucht habe, werden zur Belastung oder interessieren mich nicht mehr.

  3. Jeder trauert anders. Auch die Länge der Trauer ist völlig unterschiedlich. Einige werden gleich wieder aktiv, halten es zuhause nicht aus. Andere igeln sich ein und finden nur schwer den Weg wieder nach draußen ins Leben.

  4. Für den ,der nicht so sehr von dem Verlust betroffen ist, verblasst das Geschehen nach einiger Zeit. Sie gehen wieder ihren Alltagsgeschäften nach und die Beschäftigung mit dem Tod dieses Menschen und der Trauer der Angehörigen wird mühsamer, da die Verbundenheit nicht so stark war.


Wie gehe ich nun damit um:

  1. Alle Gefühle, die ein Trauernder hat, sind erstmal normal. Nach dem Tod eines geliebten Menschen klafft eine tiefe Wunde in unserem Herzen, von der wir glauben, dass sie nie wieder heil wird.

  2. Viele Menschen sind mit der konfusen und ständig wechselnden Gefühlslage von Trauernden überfordert. Haben Sie Geduld mit Ihren Mitmenschen. Wenn diese sich zurückziehen, dann nicht, weil sie Sie als Person ablehnen, sondern weil sie nicht wissen, wie sie mit Ihnen umgehen sollen. Suchen Sie sich eine oder zwei Vertrauenspersonen und sprechen Sie mit ihnen darüber.

  3. Die Länge der Trauer kann von wenigen Monaten bis zu einigen Jahren dauern. Wobei sich die Qualität dabei ständig verändern kann. Das erste Jahr ist immer das schwierigste, da alle wiederkehrenden Ereignisse, wie Geburtstage, Feiertage usw. ohne den Verstorbenen erlebt werden müssen. Auch jährlich wiederkehrende Gedenktage und gemeinsam erlebte Tage können immer wieder die Trauer massiv aufbrechen lassen. Sie können diese Tage bewusst gestalten, um so dem Überraschungseffekt der wiederauflebenden Trauer etwas entgegenzuwirken.

  4. Wenn sie eine Wesensveränderung durchmachen, ist das ein normaler Vorgang, der oft zwangsläufig entsteht, wenn wir extreme Situationen im Leben durchmachen müssen. So etwas verändert den Menschen meistens. Manchmal können die Veränderungen so gravierend sein, dass bisherige Freunde nicht mehr in unser Leben passen. Haben sie davor keine Angst. Es kommen neue Menschen, die jetzt besser zu Ihnen passen. Es kann immer eine Phase geben, in der Sie einsam sind und das Gefühl haben, niemand versteht Sie. Oft versteht man sich ja selbst nicht mehr. Suchen Sie Gruppen auf, die ähnliche Problemstellungen haben. Gespräche mit Gleichgesinnten helfen Ihnen, sich neu zu orientieren.

  5. Und wenn niemand mehr die Geschichten von Ihnen und dem Verstorbenen hören will: Auch hier gilt es, sich Menschen anzuschließen, die in ähnlichen Situationen sind. Das Wissen, nicht allein zu sein mit den Gefühlen und Problemen stärkt das Selbstbewusstsein und gibt Kraft für den Alltag.


Sicher ist es enttäuschend, wenn Menschen, denen man vertraut hat, sich plötzlich von einem entfernen. Sehen sie es jedoch nicht nur als Verlust, sondern auch als Chance neue Menschen kennenzulernen, die ihr Leben bereichern. Neue Beziehungen helfen auch dabei den Verlust zu verarbeiten, weil diese Beziehungsräume nach dem Tod des Angehörigen entstanden sind und somit nicht ständig alte Erinnerungen aufleben lassen, die jedesmal schmerzhaft sind.

Wichtig ist außerdem, dass Sie sich auch bewusst von Menschen fernhalten, die Ihnen nicht gut tun. Belasten Sie sich nicht mit Beziehungen, die von Ihnen etwas verlangen, wozu sie gerade nicht in der Lage sind, die ständig “gute” Ratschläge haben und Sie damit unter Druck setzen oder die immer wieder Ausreden erfinden, um sie nicht sehen zu müssen. Verabschieden Sie sich von solchen Menschen für eine Weile und bleiben Sie selbstbestimmt in der Gestaltung Ihres Alltags und Ihres Seelenlebens.



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